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Bemerkungen zu einem Film von Lutz Dammbeck
von Helmut Kohlenberger
Ein Film über die kulturelle Disposition der letzten 50 Jahre,
die von der Entwicklung und Einführung der Computer und damit von
USA Think Tanks bestimmt war, aber auch von dem Traum der Weite, der Grenzenlosigkeit
von Fortschritt und Lebensmöglichkeiten in bislang ungekanntem Ausmaß
- ein Film über das gegenseitige Sichhochschaukeln von Widersprüchen,
die Explosionskraft besitzen, von Widersprüchen, die nur selten zur
Sprache,
noch seltener ins Bild kommen.
Wissenschafts und Mentalitätswandel greifen auf eine oft schwer
entwirrbare Weise ineinander. Gibt es den direkten Weg zur ONE WORLD,
wo alles glasklar geordnet erscheint?
Gödels Satz von der Unentscheidbarkeit steht am Beginn des Films,
am Ende
die Diagnose von Gödels Lebensende Paranoia.
Dazwischen der Aufbruch ins CHANGE NOW in vielen Varianten.
Kein Ort hält fest, die Utopie der Mobilität wird zur Szene,
wir begleiten Dammbeck im Flugzeug, in Straßenschluchten New Yorks,
im Tunnel, in der Weite der Westküstenlandschaft, im Blick auf die
Wälder Montanas.
Er will dieser Verheißung der Grenzenlosigkeit, die mit der Internetkultur
verbunden ist und die er aus der Kunstavantgarde der 60er Jahre kennt,
auf die Spur kommen.
Immer wieder wird unser Blick auf den Skizzenblock gelenkt, in dem er
sich
die Verbindungen in dem Wegenetz zurechtzulegen versucht.
Sein Weg beginnt in New York - bei John
Brockman, der zur Multimediaszene
von Anfang an gehörte und dann eine erfolgreiche Cyberelite aufbaut.
Mit ihm führt Dammbeck das erste Interview.
Brockman erinnert an den Enthusiasmus der Anfangsjahre, ein Medienfestival
1963 mit Rauschenberg, John Cage, die industrielle Vernetzung aller Kreativen.
Es ist davon die Rede, dass die Menschen der Technologie angepasst werden
müssen. Your brain is a computer.
Auf den Informatiker David
Gelernter wird ein Briefbombeanschlag verübt,
der ihn schwer verletzt.
Mit ihm wird das letzte Interview des Films geführt.
David Gelernter spricht über seine Faszination von einem an Hobbes
erinnerndes System von Millionen Menschen, das in Software abgebildet
und überschaubar gemacht werden kann.
Aber er ist ein Opfer, er ist Medienkritiker geworden, beklagt, dass die
moralische Komponente fehlt.
Über den Attentäter, den ehemaligen Mathematikprofessor Ted
Kaczynski,
der den Fahndungsnamen Unabomber erhielt, will er nicht sprechen.
Er sieht in ihm kein "counterculture phenomenon". Eine Verbindung
zwischen der Vision der ONE WORLD und seiner Medienkritik zieht er nicht.
Vehementer als Gelernter verweigern die anderen Gesprächspartner
eine Auseinandersetzung über die Motive des Attentäters.
Unverkennbar, dass diese Lücke die Recherche bestimmt.
Dammbecks Weg führt über Stationen der Begeisterung und der
Ernüchterung.
Im früheren Fischerdorf Sausalito, das durch Hippiehausbootsiedlungen
bekannt wurde, trifft er Stewart
Brand, den Erfinder des Begriffs Personal Computer und Herausgeber
des WHOLE EARTH CATALOGUE, in dem für alternative Lebensweise geworben
wurde. In Verbindung mit einer vom Militär angeregten Forschung ging
es damals auf den Trip von Acidtest zu Acidtest.
Die anfänglich sprudelnden Ideen von einem neuen Leben auf dem Lande
(goat husbanding ist ein Reizslogan dieser Jahre) verflüchtigen sich
rasch.
Man bleibt "on the road". Die Protestkultur bis hin zu Attac
entsteht.
Aber der Rahmen des kulturellen Wandels wird immer deutlicher - der Krieg,
Vater aller Dinge. Norbert Wieners Berechnungen von Jagdbomberbewegungen
im Zweiten Weltkrieg stehen am Anfang der Kybernetik.
Eine Art geschwätziger Gartenzwerg schwärmt vom sagenhaften
Sicherheitsgefühl, das SAGE,
the largest computer ever made, vermittelt.
Robert Taylor, als Pentagonprojektmanager einer der Erfinder des Arpanet,
des Vorläufers des Internet, tritt auf: Man wollte nicht noch einmal
überrascht werden wie dies beim Sputnik (1957) der Fall war. Er glaubt
an den Fortschritt des Wissens - Nichtwissen macht Angst.
Dammbeck trifft Heinz
von Foerster, der an der Verschmelzung biologischer und
technischer Systeme arbeitete. Ihm geht es um das Systemische gegenüber
dem Trennenden in der alten Wissenschaft.
Noch im Rollstuhl schwärmt er von der ins Grenzlose gleitenden Reihe
logischer Ableitungen in der Theorie. Grenzen in der Realität erkennt
er nicht
Realität, wo haben Sie die?
Die Retrospektive stößt auf Gruppierungen, die wie Verschwörungen
wirken.
In den Sechziger und Siebziger Jahren überstürzen sich informelle
Treffen und Feste von Kulturmenschen mit Computerforschern und Strategen.
Es geht um eine neue Cyberspiritualität und "open society".
Die von Horkheimer, Adorno und anderen erstellte Studie über die
autoritäre Persönlichkeit gibt Impulse für
eine Forschung zum Eingriff in die Psyche, um die alten für totalitäres
Verhalten verantwortlichen Werte herauszuoperieren und durch eine sich
selbst regulierende Umerziehung zu ersetzen. Es geht um America`
s Mission wie ein Titel des hochdekorierten Militärs und Harvardpsychologen
Henry
A. Murray formuliert. Dazu gehören Testserien mit LSD,
an denen Timothy Leary beteiligt ist. Andere
Tests erkunden das Verhalten von ausgewählten eliteverdächtigen
Studenten in Extremsituationen. Einer von ihnen ist Ted Kaczynski, sein
Deckname ist Lawful. Einschlägige
Unterlagen sind verschwunden.
Stellen aus Briefen von Kaczynski aus der Haftanstalt unterbrechen die
Sequenz der Orte und Interviews. In nüchternem Ton beantwortet der
Autor Fragen, wieso er sich in die Waldhütte Montanas sie
könnte aus dem Katalog der Alternativen stammen zurückzog
und von dort aus zwar nicht Robin Wood, aber Attentäter wurde.
Seit Mitte der Neunziger ist sein Manifest gegen die Industriegesellschaft
im Umlauf. Die Gefährlichkeit der Utopien für das Weiterbestehen
der Menschheit werden beschworen. Rede ist auch von den Löchern in
den Theorien und der Unberechenbarkeit im Verhalten komplexer Systeme.
Die Mathematiker sind gar keine Wissenschaftler, sondern Spieler, heißt
es. Diese Briefe wirken als Versuch einer Sprachfindung an den Grenzen
des Wissens, an denen sich Kaczynski genauso sieht wie Gödel.
Gegenüber der strukturellen Gewalt der technologischen Gesellschaft
besteht für ihn ein Recht auf Selbstverteidigung. Daß es um
Sprachfindung in unsicherem Terrain geht mehr als einmal zeigt
es sich in der immer wieder betonten Feststellung, dass er noch keine
authentische Fassung des Manifesto habe.
Rührend sein Wunsch, ein deutsch-englisches Wörterbuch zu erhalten.
Auf dem Weg in die neue Welt sind wir auf gefährliche Fragen gestoßen.
Es sind die alten Fragen nach dem Verhältnis von Recht und Gewalt,
in der Grauzone von Wissen und Wahn, Wissenschaft und Kunst.
Bei den Vertretern der "open society" eine Mauer des
Schweigens.
Dagegen steht ein gescheiterter Einzelner, der sich von allen Nachbarn
und Nahestehenden absonderte, aber vor allem zur Sprache kommen will.
Er landet in einem Hochsicherheitstrakt.
Zwischen den Fronten für Momente: ein Opfer des Geschehens spricht
von Moral, ihrem Fehlen. Meint er die alten Werte, die abgeschafft werden
sollten?
Oder neue gibt es die?
Nach einer Flucht von Orten und Worten ein letzter Blick: der Innenhof
des Gefängnisses, in dem die Insassen ihre tägliche Runde drehen.
In einem öden Kreislauf nirgendwohin landet die Utopie.
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