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Im Netz gefangen

 

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Pressespiegel
"Brisantester Beitrag des diesjährigen Leipziger Dokumentarfilmfestival..."
Robert Richter, FILMWOCHE/FILMECHO Oktober 2003

„Ein einziger Film im Wettbewerb begriff die Gegenwart als offene Aufgabe und Prozeß. Lutz Dammbeck, ein gebranntes Kind der DDR, seit langem in Hamburg ansässig, fragte weder nach den Gespenstern von gestern, noch zog es ihn auf ein Eiland der Seligen. "Das Netz" heißt sein abendfüllender Versuch über die Motive des "Unabomber" genannten Mathematikers Ted Kaczynski, der zwischen 1978 und 1995 Briefbomben an führende Wissenschaftler versandte und dafür eine lebenslange Gefängnisstrafe verbüßt. Angesichts der nicht mehr fernen Vorstellung der globalen Verknüpfung aller Daten und Informationen, die in der Steuerung jeder Person gipfeln könnte, wollte der Einsiedler die Rückkehr zu einer beinahe vorindustriellen Gesellschaft erzwingen. Dammbeck führte mit Kaczynski einen Briefwechsel und läßt im Film ein Dutzend Wissenschaftler zu Wort kommen, eine spannende Recherche im Herzen des Fortschrittsglaubens. Alle Utopien sind eine Quelle realen Horrors, weiß Dammbeck und stiftet, was immer not tut: skeptische Aufmerksamkeit.“ Hans-Jörg Rother, FAZ Oktober 2003Hans-Jörg Rother, FAZ Oktober 2003

"Dammbeck deckt nicht verborgene Zusammenhänge auf, sondern bringt einfach nur Dinge zusammen, die bisher noch nicht zusammengedacht wurden. Ein anregender Film, für ein breiteres Publikum wegen seiner offenen Strukturen wahrscheinlich zu anspruchsvoll."
Sylvia Hallensleben, Tagesspiegel Oktober 2003

"Das Netz ist alles andere als ein Film über das Internet oder die Idendität des Unabombers, obwohl er zu beiden Themen viel Material bietet - sondern vor allem ein Film über die Eigentümlichkeit dezentralen Denkens selber. Einer der interessantesten Filme des Festivals."
Barbara Schweizerhof, FREITAG Oktober 2003

"Es geht um LSD, Bewusstseinskontrolle, höhere Mathematik, Kunst, Adornos Studien über den autoritären Charakter, und dazu läuft eine wunderbar verzerrte Version des Grateful-Dead Klassikers "Death Don´t Have No Mercy".
Detlef Kuhlbrodt, TAZ Oktober 2003

Zusammengehalten wird die Suche nach dem geheimen (Hinter)Sinn,
der Hightech und Avantgarde, Techniker und Rebellen verbindet, von
einem Briefwechsel mit dem Unabomber Ted Kaczynski. Damit weitet sich
die Sinnsuche aus: Wird Hightech die Freiheit des Einzelnen vernichten?
Ein weites Feld, das "Das Netz" einzufangen versucht ...
N. Wehrstedt, Leipziger Volkszeitung Oktober 2003

„Men en av BUFF´s mest spännande filmer är tyska The Net/Das Netz i regi av Lutz Dammbeck, en dokumentär om hur internet egentligen uppstod. En brilliant film om de som var 1968-rebeller i USA med idén att droger som LSD kunde skapa radikalitet, om hur hippierörelsen slog sig ihop med amerikansk högteknologi och vapenindustrioch ur dessa motstridiga element föddes internet. I filmen fär vi veta hur allt hänger ihop, hippiedrömmar om tillgänglighet och politisk drömmar om kontroll. Bara denna film är väd en resa fran Kristianstad till Malmö och Buff. Kristianstad - där man förra aret hade ett europeiskt nätverksmöte för ungdomskultur.“
Ingela Bronvik, Kristianstadtsbladet - Filmfestival i Malmö März 2004

„Very compelling and provocative!“
Professor Barton Byg, University of Massachusetts Amherst 2004

„Ein Roadmovie zwischen LSD-Kybernetik und Technophobie
Der Film von Lutz Dammbeck beleuchtet die Faszination für jene positive Vision einer globalen Vernetzung, in der Welt- statt Staatsbürger leben, durch das Prisma des Negativs. In einer Genremischung aus Lap-Top-Roadmovie und kriminalistischer Enquête demonstriert er, wie Kybernetik, Systemtheorie, Psychologie und Militärprogramme vernetzte Maschinensysteme hervorbringen, indem er die Argumentation der Technologie-Gegner des "Freedom Clubs" durchspielt.“
Jens Hauser Februar 2004 auf:
http://www.arte-tv.com/de/kunst musik/Kultur_20Digital/Transmediale04/ 353638,CmC= 353650.html

„Kaczynski ist die tragende Persn in Dammbecks Film. Durch seine
nachdenkliche Art, die er in den Briefen an Dammbeck zeigt, gewinnt er als Einziger die Sympatie des Publikums; dank den von ihm aufgeworfenen Fragen lebt der Film: Wo liegt die Grenze zwischen Mensch und Maschine? Werden Mensch, Tier und Pflanze künftig nur noch Produkte von Technologie sein? Wo bleibt die Moral in der Computer- und Biowissenschaft?
Daniela Kliesch, filmab! Jugendmedienverband Schwerin Mai 2004

„In „das Netz“ zeigt Dammbeck, daß alle die von ihm vorgeführten Verbindungen und Strukturen immer wieder im militärisch-industriellen Komplex münden; daß Paranoia Logik ist, und Logik Paranoia. Daß „die Wahrheit der Beweisbarkeit überlegen ist“, vermag nicht wirklich zu überraschen. Ist aber spannend anzusehen.“
Heinrich Dubel, Junge Welt 5.Mai 2004 (Beilage zum 17.FilmKunstFest Schwerin)

 

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Im Netz gefangen
Bemerkungen zu einem Film von Lutz Dammbeck
Helmut Kohlenberger

Ein Film über die kulturelle Disposition der letzten 50 Jahre, die von der Entwicklung und Einführung der Computer und damit von USA Think Tanks bestimmt war, aber auch von dem Traum der Weite, der Grenzenlosigkeit von Fortschritt und Lebensmöglichkeiten in bislang ungekanntem Ausmaß - ein Film über das gegenseitige Sichhochschaukeln von Widersprüchen, die Explosionskraft besitzen, von Widersprüchen, die nur selten zur Sprache, noch seltener ins Bild kommen.
Wissenschafts – und Mentalitätswandel greifen auf eine oft schwer entwirrbare Weise ineinander. Gibt es den direkten Weg zur One World,
wo alles glasklar geordnet erscheint?

Gödels Satz von der Unentscheidbarkeit steht am Beginn des Films,
am Ende die Diagnose von Gödels Lebensende – Paranoia.
Dazwischen der Aufbruch ins CHANGE NOW in vielen Varianten.
Kein Ort hält fest, die Utopie der Mobilität wird zur Szene, wir begleiten Dammbeck im Flugzeug, in Straßenschluchten New Yorks, im Tunnel, in der Weite der Westküstenlandschaft, im Blick auf die Wälder Montanas.
Er will dieser Verheißung der Grenzenlosigkeit, die mit der Internetkultur
verbunden ist und die er aus der Kunstavantgarde der 60-er Jahre kennt,
auf die Spur kommen. Immer wieder wird unser Blick auf den Skizzenblock gelenkt, in dem er sich die Verbindungen in dem Wegenetz
zurechtzulegen versucht.

Sein Weg beginnt in New York - bei John Brockman, der zur Multimediaszene von Anfang an gehörte und dann eine erfolgreiche
Cyberelite aufbaut. Mit ihm führt Dammbeck das erste Interview.
Brockman erinnert an den Enthusiasmus der Anfangsjahre, ein Medien - Festival 1963 mit Rauschenberg, John Cage, die industrielle Vernetzung aller Kreativen. Es ist davon die Rede, dass die Menschen der Technologie angepasst werden müssen. „Your brain is a computer“.
Auf seine Firma wird ein Anschlag verübt, der Informatiker David Gelernter wird schwer verletzt. Mit ihm wird das letzte Interview des Films geführt.
David Gelernter spricht über seine Faszination von einem an Hobbes
erinnerndes System von Millionen Menschen, das in Software abgebildet und überschaubar gemacht werden kann.
Aber er ist ein Opfer, er ist Medienkritiker geworden, beklagt, dass
die „moralische Komponente“ fehlt.

Über den Attentäter, den ehemaligen Mathematikprofessor Ted Kaczynski, der den Fahndungsnamen „Unabomber“ erhielt, will er nicht sprechen.
Er sieht in ihm kein counterculture phenomenon. Eine Verbindung zwischen der Vision der ONE WORLD und seiner Medienkritik zieht er nicht.
Vehementer als Gelernter verweigern die anderen Gesprächspartner eine Auseinandersetzung über die Motive des Attentäters.
Unverkennbar, dass diese Lücke die Recherche bestimmt.

Dammbecks Weg führt über Stationen der Begeisterung und der Ernüchterung. Im früheren Fischerdorf Sausalito, das durch
Hippiehausboot-siedlungen bekannt wurde, trifft er Stewart Brand, den Erfinder des Begriffs Personal Computer und Herausgeber des WHOLE EARTH CATALOGUE, in dem für alternative Lebensweise geworben wurde. In Verbindung mit einer vom Militär angeregten Forschung ging es damals auf den Trip „von Acidtest zu Acidtest“.
Die anfänglich sprudelnden Ideen von einem neuen Leben auf dem Lande (goat husbanding ist ein Reizslogan dieser Jahre) verflüchtigen sich rasch. Man bleibt on the road. Die Protestkultur bis hin zu Attac entsteht.
Aber der Rahmen des kulturellen Wandels wird immer deutlicher - der Krieg, Vater aller Dinge. Norbert Wieners Berechnungen von Jagdbomberbewegungen im Zweiten Weltkrieg stehen am Anfang der
Kybernetik.
Eine Art geschwätziger Gartenzwerg schwärmt vom sagenhaften Sicherheitsgefühl, das „SAGE, the largest computer ever made“, vermittelt.
Robert Taylor, als Pentagonprojektmanager einer der Entwickler des
Arpanet, des Vorläufers des Internet, tritt auf: Man wollte nicht noch
einmal überrascht werden wie dies beim Sputnik (1957) der Fall war.
Er glaubt an den Fortschritt des Wissens - Nichtwissen macht Angst.
Dammbeck trifft Heinz von Foerster, der an der Verschmelzung biologischer und technischer Systeme arbeitete. Ihm geht es um das Systemische gegenüber dem Trennenden in der alten Wissenschaft.

Noch im Rollstuhl schwärmt er von der ins Grenzlose gleitenden Reihe logischer Ableitungen in der Theorie. Grenzen in der Realität erkennt er nicht – „Realität, wo haben Sie die?“

Die Retrospektive stößt auf Gruppierungen, die wie Verschwörungen wirken. In den Sechziger und Siebziger Jahren überstürzen sich informelle Treffen und Feste von Kulturmenschen mit Computerforschern und Strategen.
Es geht um eine neue Cyberspiritualität und Open society.
Die von Horkheimer, Adorno und anderen erstellte Studie über die
„autoritäre Persönlichkeit“ gibt Impulse für eine Forschung zum Eingriff in
die Psyche, um die alten für totalitäres Verhalten verantwortlichen Werte
herauszuoperieren und durch eine sich selbst regulierende Umerziehung zu ersetzen. Es geht um „America` s Mission“ wie ein Titel des hochdekorierten Militärs und Harvardpsychologen Henry A. Murray formuliert. Dazu gehören Testserien mit LSD, an denen Timothy Leary beteiligt ist. Andere Tests erkunden das Verhalten von ausgewählten eliteverdächtigen Studenten in Extremsituationen. Einer von ihnen ist Ted Kaczynski, sein Deckname ist „Lawful“. Einschlägige Unterlagen sind verschwunden.
Stellen aus Briefen von Kaczynski aus der Haftanstalt unterbrechen die Sequenz der Orte und Interviews. In nüchternem Ton beantwortet der
Autor Fragen, wieso er sich in die Waldhütte Montanas – sie könnte aus dem Katalog der Alternativen stammen – zurückzog und von dort aus zwar nicht Robin Wood, aber Attentäter wurde.
Seit Mitte der Neunziger ist sein Manifest gegen die Industriegesellschaft im Umlauf. Die Gefährlichkeit der Utopien für das Weiterbestehen der Menschheit werden beschworen. Rede ist auch von den Löchern in den Theorien und der Unberechenbarkeit im Verhalten komplexer Systeme.
Die Mathematiker sind gar keine Wissenschaftler, sondern Spieler, heißt
es. Diese Briefe wirken als Versuch einer Sprachfindung an den Grenzen des Wissens, an denen sich Kaczynski genauso sieht wie Gödel.
Gegenüber der strukturellen Gewalt der technologischen Gesellschaft besteht für ihn ein Recht auf Selbstverteidigung.
Daß es um Sprachfindung in unsicherem Terrain geht – mehr als einmal zeigt es sich in der immer wieder betonten Feststellung, dass er noch keine authentische Fassung des Manifesto habe.
Rührend sein Wunsch, ein deutsch-englisches Wörterbuch zu erhalten.

Auf dem Weg in die neue Welt sind wir auf gefährliche Fragen gestoßen.
Es sind die alten Fragen nach dem Verhältnis von Recht und Gewalt, in der Grauzone von Wissen und Wahn, Wissenschaft und Kunst.
Bei den Vertretern der Open Society – eine Mauer des Schweigens.
Dagegen steht ein gescheiterter Einzelner, der sich von allen Nachbarn und Nahestehenden absonderte, aber vor allem zur Sprache kommen will.
Er landet in einem Hochsicherheitstrakt.

Zwischen den Fronten für Momente: ein Opfer des Geschehens spricht von Moral, ihrem Fehlen. Meint er die alten Werte, die abgeschafft werden sollten? Oder neue – gibt es die?

Nach einer Flucht von Orten und Worten ein letzter Blick: der Innenhof
des Gefängnisses, in dem die Insassen ihre tägliche Runde drehen

In einem öden Kreislauf nirgendwohin landet die Utopie

„Zeit der Nachdenklichkeit: Beim 17. European Media Art Festival in Osnabrück herrscht eine Atmosphäre spielerischer Medien-Grübelei.
Angenehm: Großsprecherische Manifeste fehlten dieses Mal ebenso wie multimediale Sensationen. Statt dessen wurde viel über die Medien selbst reflektiert. So war es nur konsequent, dass der von einer internationalen Jury verliehene Emaf-Award an den ursprünglich gar nicht nominierten Dokumentarfilm Das Netz von Lutz Dammbeck ging. Der von Information fast überquellende, aber stilistisch souverän inszenierte Film erzählt von den Ursprüngen des World Wide Web in der kalifornischen Hippiekultur der 1970er-Jahre. Und darüber, warum aus dem brillanten Mathematiker Ted Kacyznski der mit Briefbomben gegen die Medientechnologie kämpfende so genannte Una-Bomber wurde.“
Wilfried Hippen, taz Nord vom 27.4.2004



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